11.09.2005
Tag des offenen Denkmals Motto "Krieg und FriedenDer Förderverein hatte das unter Denkmalschutz stehende Gutshaus Bobbin erstmalig für die bundesweite Veranstaltung Tag des offenen Denkmals gemeldet. In den Ankündigungen wurde darauf hingeweisen, dass sich das Haus zur Zeit noch in der Renovierungs- und Sanierungsphase befindet. Vorgesehen war eine Öffnungszeit von 10 bis 18 Uhr mit halbstündlichen Führungen und für 16 Uhr eine Lesung aus der Hauschronik. Mit einer großen Besucherzahl wurde nicht gerechnet. Obwohl bekannt war, dass die Renovierung im und am Gutshaus Bobbin noch lange nicht abgeschlossen ist, war das Interesse sehr groß. Gezählt wurden insgesamt 141 Besucher, durchgehend in der Zeit von 9.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Von der Gemeinde Wasdow kam ein Gemeindevertreter und aus Gnoien der Leiter des Bauamtes. Der
ruinöse Zustand des unter Denkmalschutz stehenden Rest-Parks konnte
mit diesen Herren besprochen werden. Hilfe wurde angeboten.Aus der Gästeliste, in die sich leider nur etwa die Hälfte aller Besucher eingetragen haben, war erkennbar, dass die Besucher nicht nur aus Bobbin (145 Einwohner) kamen, sondern aus der gesamten Region, beispielsweise aus Wasdow, Hirschburg, Klockenhagen, Güstrow, Neu Quitzenow, Teterow, Ribnitz-Dgt., Kützerhof, Stechow, Altkalen, Glekow, Laage, Bützow, aber auch aus Rostock, Stralsund und ein Gast aus Bayreuth. An den Führungen waren alle Besucher mit großem eigenem Engagement beteiligt. Einige
Gäste brachten alte Fotos mit oder gaben Literaturhinweise über
weitere Fundstellen. Für die Vorsitzende des Fördervereins gab
es nicht eine Minute Pause. Zwischendurch mal einen Schluck Kaffee, nur
im Vorübergehen, dann ging es weiter mit den Führungen. Wir wollten
niemanden warten lassen.Rahmenprogramme Führungen: halbstündlich wurde anhand der nur noch teilweise vorhandenen ehemaligen Gutsgebäude der Grundriss der Gutsanlage in vergangenen Jahrhunderten erklärt. Der Baustil des Gutshauses ist Klassizismus, gradlinig, kantig, ohne Schnörkel, symmetrisch. Das Haus ist 13achsig. Ein übereinander befindliches Fensterpaar bildet jeweils eine Achse. Aufmerksam
gemacht wurde auf ein im Eingangsportal hängendes Relief von Johann
Gottfried Schadow, 1764-1850, Berliner Schule. Schadow schuf u. a. auch
die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Schadow entnahm seine Motive häufig
aus der Antike. Dass es sich um einen echten Schadow handelt, wird erkennbar
aus der feinen Ausarbeitung von Details, beispielsweise aus der Bindung
der Schnürsenkel. Die Entstehung dieses Kunstwerkes wird geschätzt
auf 1825.Gezeigt wurden auch die Räume im Haus, soweit sie wegen der Renovierungsphase betretbar waren. Dazu wurden die geplanten Veränderungen (Abriss von nicht originalgetreuen Wänden, Wiederherstellung ehemaliger Türdurchbrüche) erklärt. Den
Abschluss einer jeweiligen Führung bildete der Gartenbereich. Erläutert
wurde die Planung und Wiederherstellung des noch vorhandenen Restgartens
sowie die Pflege und Renaturierung des 200jährigen Baumbestandes im
Park mit Schlossteich.Ausstellung: Ein Raum war als Geschichtsstube herrichtet. An den Wänden hingen alte Karten (Wiebekingsche Karte von 1765/1785), ein Leitzordner war gefüllt mit alten Dokumenten über die Geschichte der Gutsanlage Bobbin. Es lagen Bücher aus, zusammengetragen durch die Recherchen für die in Arbeit befindliche Hauschronik. Auf einem Tisch wurden für das Haus erstellte Flyer, Beitrittserklärungen, Visitenkarten, Gästeliste, Gästebuch u. a. angeboten. Diese Informationen wurden intensiv angenommen. Lesung: Gelesen wurde aus einer Zusammenfassung einzelner Kapitel aus der Hauschronik. An der Lesung nahmen etwa 20 Personen teil. Kein Gast schlief ein oder verließ den Raum vorzeitig. Da bei der Überleitung zu einem neuen Kapitel die Zuhörer direkt mit Fragen in den Vortrag einbezogen wurden, war die Aufmerksamkeit groß und die Lacher häufig. Hier eine kleine anrührende Geschichte am Tag des offenen Denkmals: Obwohl der Sohn des letzten privaten Besitzers vor 1945, danach Enteignung, persönlich eingeladen war, wollte er weder nach Bobbin kommen noch das Haus jemals wieder betreten. Sein Vater wurde am 1. Mai 1945 vor dem Haus, vor seinen Augen, von Russen erschossen. Er musste mit seinen Geschwistern und seiner Mutter dabei zusehen. Als er das Haus betrat, standen ihm die Tränen in den Augen. Dies einerseits wegen der heftigen Erinnerungen, andererseits wie er sagte vor Freude, weil sich die heutigen neuen Gutshausbesitzer mit großem Idealismus und Engagement dafür einsetzen, dass sein Elternhaus vor dem Verfall gerettet wird. Als er sich wieder gefangen hatte, erzählte er ausgiebig von der damaligen Nutzung der Räume und vielen Kindheitserinnerungen. Er hielt sich insgesamt über 4 Stunden im Herrenhaus auf, wanderte immer wieder durch die Räume und verließ das Gutshaus am späten Nachmittag mit seiner Frau mit glänzenden Augen und einem fröhlichen Gesichtsausdruck. Einige ältere Dorfbewohner hatten ihn erkannt und schwärmten gemeinsam mit ihm in guten Erinnerungen. So hat ihm der Tag des offenen Denkmals 2005 vielleicht geholfen, eine traumatische Kindheitserinnerung aufzuarbeiten oder diesen Prozess nach 60 Jahren zumindest in Gang zu setzen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich der über Jahrzehnte tiefsitzende Hass auflösen und die mit Sicherheit vorhandene Verhärtung kleiner wird. Bei der Verabschiedung sagte er uns, im nächsten Jahr werde er gerne wiederkommen. Wir freuen uns auf seinen Besuch. Fazit: Das unerwartet große Interesse an dem geöffneten Gutshaus gab allen neue Kraft, dieses stark sanierungsbedürftige alte und schützenswerte Kulturerbe wieder in den Erbauungszustand zurück zu versetzen und mit viel Idealismus den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. |