Gutshaus Quitzenow

Anton Friedrich von Blücher, Gutsherr auf Bobbin und Erbauer des Gutshauses Bobbin, erwarb im Jahre 1818 aus der Gesamterbschaft seines Bruders Wilhelm dessen Gut Quitzenow. Er errichtete in den Jahren 1838-1842 auf diesem Gut ein stattliches Wohnhaus, nachdem er dasselbe seinem jüngeren Sohn Carl im Jahre 1840 abgetreten hatte. Er hatte aber den Kummer, diesen Sohn bereits ein Jahr später an den Folgen einer Operation zu verlieren.

Carls Bruder, Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher, erbte nach dem Tode seines Vaters am 22. April 1844 als alleiniger männlicher Erbe des Gesamtbesitz und siedelte mit seiner Familie 1845 nach Quitzenow über. Hier eröffnete sich ihm ein reiches Tätigkeitsfeld. Hof und Dorf wurden durch Neubauten verbessert, das Wohnhaus durch Anbau eines Flügels vergrößert und in seinen Wirtschaftsräumen erweitert, der ziemlich kleine Garten durch Hinzunahme bedeutender Wiesenflächen bei Anlage von Wegen und Baumgruppen, Ausgraben verschiedener Teiche parkartig hergerichtet und damit der ganze Wohnsitz verschönt.

Es gibt und hat immer Menschen gegeben, die ihrer Mitwelt im Erfassen zukünftiger Probleme und Fortschritte, sei es in der Praxis, sei es in der Politik, weit voraus schritten. Zu diesen gehörte auch mein Vater. Durch seine Erziehung von aristokratischen Vorurteilen frei, hatte er Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse der bürgerlichen Schichten sowohl, als der Arbeiterklasse. Obgleich ihm die Politik und ein Hervortreten in die Öffentlichkeit fern lag und er lieber im engeren Guts- und Familienkreise wirkte, scheute er sich doch nicht, in den Landtagen und wo es Not tat, in Wort und Schrift seine ständisch-liberaleren Anschauungen zu vertreten, dabei aber die teilweise maßlosen demokratischen Forderungen auf das schärfste zu bekämpfen.

Im Jahre 1848 wurden auch seine Gutsinsassen von der allgemeinen Reformbewegung angesteckt, er erklärte ihnen, er habe volles Verständnis für den Wunsch, ihre soziale Lage zu verbessern, in erster Linie gehörte aber dazu, dass sie selbst mehr lernten und damit das richtige Verständnis für die Rechte, aber auch die Pflichten der Stellung, die sie anstrebten, gewönnen und dafür wolle er Sorge tragen. Er löste seine Gutsschule von der benachbarten Küstenschule ab, stellte einen eigenen sehr tüchtigen Lehrer an und erweiterte die Lernfächer bedeutend, selbst Zeichenunterricht wurde erteilt. Das ganze Werk krönte er durch den Bau eines schönen Schulhauses, über dessen Eingang die Worte stehen: "Der Jugend zur Lehre, dem Alter zur Ehre". Reichen Segen hat er damit gestiftet.

Als in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in Amerika Ansiedler gebraucht wurden, die bedeutenden Auswanderungen dahin besonders in Mecklenburg einsetzten und durch große Agenturen, herum reisende Werber und vorgeschossene Reisekosten befördert wurden, da verließen auch verschiedene Quitzenower Familien ihre Heimat in der Hoffnung, jenseits des Ozeans sich eine eigene unabhängige Existenz zu gründen. Viele hatten Erfolg, manche gingen zu Grunde, allen stand Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher mit Rat und Tat bei und blieb mit ihnen in ihrer neuen Heimat, soweit es möglich, in brieflichem Verkehr.

Sein reges Interesse für Musik und Theater veranlassten Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher häufig, wenn besondere Aufführungen vor allem die damals neuen Wagnerschen Opern, in Berlin gegeben wurden, zu kleinen Ausflügen dahin. Er nahm dann wohl den einen oder anderen seiner Kinder mit. Einmal wohnte die Familie in dem Hotel de Rome unter den Linden und besuchten am Sonntag den Gottesdienst im alten Dom. Die ganze königliche Familie war in ihrer Loge versammelt und als dieselbe die Kirche verließ, bildete das Publikum zur ehrfurchtsvollen Begrüßung der Herrschaften Spalier.

Wagen auf Wagen rollte vorbei und entblößten Hauptes standen die Leute auf der Straße. Plötzlich eine Bewegung, die Hüte wurden ostentatiös auf den Kopf gestülpt, die Köpfe abgewandt und vorbei fuhr ein zweispänniges Brougham, in dessen Fonds ein schlanker großer Herr mit schwarzem Schnurrbart saß und ohne von dem Vorgang Notiz zu nehmen, mit einer Miene geradeaus sah, als wolle er sagen: "Ihr könnt mir alle den Puckel herunter rutschen". Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher machte zur größten Empörung der Umstehenden Front und grüßte ehrerbietig, seine Kinder taten natürlich dasselbe. Darauf sagte Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher: "Den merkt Euch, das war Bismark".

Aber nicht nur politisch, auch wirtschaftlich war Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher vielfach seiner Zeit voraus. Schon in den 1850er Jahren machte er große Flächen seiner Moorwiesen durch Dränage und Übersandung ertragreicher. Die Dränage geschah mittels dachförmig in den engen Dränsgruben aufgestellter Torfsoden. Als in den 1890er Jahren auf Rimpausche Anregung der Moorkultur wieder größeres Interesse entgegengebracht wurde und auch einer seiner Söhne, Carl in Quitzenow, solche ausführte, fand er diese Gräben wieder und sie liefen noch.

Zur Zeit der Ausbeutung der ersten Guanolager durch Hamburger Firmen ließ Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher Kahnladungen des Rohguano über Stettin und das Haff die Trebel herunterkommen, legte eine Guanomühle an, kaufte in größeren Ballons Schwefelsäure und verwandte das damit aufgeschlossene Produkt zur Düngung. Angler Kühe, damals bei wenigen Ansprüchen für die milchreichsten geltend und feinwollige Negrettischafen bildeten die Herden.

Als die erste Dampfdreschmaschine mit Lokomobilar aus England auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung in Mecklenburg erschien, kaufte er dieselbe, der englische Maschinist musste mit nach Quitzenow kommen, um einen der dortigen Leute anzulernen; als Dolmetscher zwischen Englisch und Plattdeutsch dienten die Damen des Hauses.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens konnte Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher sich wieder mehr seinen Liebhabereien, der Wissenschaft und Kunst widmen. Reisen, teilweise mit seinen Kindern und monatelange Übersiedlungen nach Berlin wurden unter-nommen, um Kunst zu genießen, die Museen zu besuchen, Universitäts- und sonstige Vorträge zu hören. Sammlungen von Gypsabgüssen, Kupferstichen und Ölgemälden bildeten die Ausbeute, füllten die Wohnräume in Quitzenow und machten sie zu einem kleinen Museum. Sein Interesse für alte und neue Literatur, Kunst, Geschichte und Naturwissenschaft fand in der Anlage einer reichen Bibliothek von ca. 4.700 Büchern seine Befriedigung und die schönsten Stunden für ihn waren es, dort nachmittags still zurückgezogen zu studieren.

Von mittlerer Statur und zäher Natur war Friedrich Helmut Carl Anton von Blücher, wie schon erwähnt, ein ausgezeichneter und passionierter Reiter, so dass er in seinen besten Jahren meist zwei Reitpferde hielt und dieselben müde ritt, ein Frühaufsteher, alkoholischen Genüssen und dem Rauchen abgeneigt; aber von Jugend an litt er an Herzklopfen, das in späteren Jahren immer häufiger und stärker auftrat und oft musste er ganze Nächte im Stuhl, anstatt im Bett zubringen.

Die Leiden gingen später in Herzkrämpfe über. Am 31. August 1879 auf einer Rückfahrt von Bobbin, trat ein neuer sehr heftiger Anfall ein, dem er nachmittags 3 Uhr durch einen Lungenschlag erlag. Seine Beisetzung erfolgte in der Kapelle zu Bobbin. Ein reichgesegnetes Leben fand damit seinen Abschluss.

Das Gut wurde danach von einem seiner Söhne übernommen.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges ging das Gutshaus in Staatshand über. Der angebaute Flügel des Gutshauses existiert nicht mehr. Das Gutshaus wurde zur Schule.




1997 verkaufte die Gemeinde Wasdow, zu der Quitzenow inzwischen gehört, das Gutshaus. Mit dem Geld sollte das Gutshaus in Wasdow wiederhergestellt werden. Der neue Besitzer des Gutshauses Quitzenow, ein privater Investor, ließ das Gutshaus zu einem 7-Familienhaus umplanen. Die Umbaumaßnahmen wurden begonnen, aber aus Geldmangel eingestellt. Inzwischen verfällt das Gebäude, Der Eigentümer ist nicht aufzufinden.